Kölsches
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Meine Heimat – oder mein Zuhause?

Eigentlich hatte ich mir gleich zu Beginn von Katja’s Blog-Aufruf ein paar Gedanken zum Thema “Heimat” gemacht, nur leider nicht aufgeschrieben. Nun gut, so schnell dürfte sich nichts Grundsätzliches an meinen Überlegungen geändert haben.

Ich komme ursprünglich aus Süddeutschland, genauer gesagt aus dem 30km nördlich von Stuttgart gelegenen Backnang (ja, Ralf Rangnick kommt auch von dort, Mario Gomez besitzt dort ein Hotel, Andrea Berg gehört in der Nähe ein … – aber lassen wir Andrea Berg mal aus dem Spiel. Kennt noch jemand Wolle Kriwanek? Auch er lebte in Backnang). Dort habe ich die ersten 26 Jahre meines Lebens verbracht, hier lebt/lebte meine Familie, Eltern, Geschwister, Nichten, Neffen. Aber irgendwann war klar, dass ich da weg muss, weil es zu klein ist und zu eng. Eine Freundin sagte mal zu mir: “Das geht vielen Schwaben so, die aus Süddeutschland wegziehen.” Zunächst ging es allerdings nur nach Stuttgart, aber schon das war unter schwäbischen Gesichtspunkten ein gewaltiger Schritt. Reaktion meines Vaters (der nicht einmal Schwabe ist) auf den künftigen Wahl-Wohnort seiner jüngsten Tochter: “Nach Stuttgart???!!!1!11!!” – Ich hätte die Fidschi-Inseln wählen können, die Reaktion wäre wohl die gleiche gewesen.

In Stuttgart war erstmal alles toll, die Stadt, meine kleine eigene Wohnung, die Karlshöhe, der Fernsehturm, die Stäffele, die Weinberge und das Gefühl, ich kann plötzlich tun, was ich will. Der Sprung war allerdings nicht so gewaltig, Familie und Freunde waren immer noch greifbar, die Stadt an sich war mir schon aus meiner Kindheit vertraut. Als mir wenig später Herr B. über den Weg lief, der nach seinem Studium einen Job suchte und mich schließlich mit der Frage konfrontierte, ob auch eine andere Stadt in Frage käme, ging dann plötzlich alles ziemlich schnell und auf einmal war Köln ganz oben auf der Wohn-Hitliste.

In Köln wohne ich nun seit fast 12 Jahren. Ein Heimat-Gefühl – ich möchte es eigentlich lieber Zuhause nennen als Heimat – musste sich entwickeln, das ging nicht von heute auf morgen, auch wenn die Kölner gegenüber Imis sehr offen sind. Die ersten Jahre in Sülz am Beethovenpark kamen mir eher vor wie eine Durchgangsstation. Es fehlte die Familie, ein neuer Freundeskreis, lang Vertrautes war plötzlich anders und ungewohnt. Beim 1. Bäckereibesuch kamen wir uns vor wie im Ausland:

„Sind das Hefeweckchen?“ – „Hefeweckchen …?“ – „Also, sind das Brötchen mit Hefe drin?“ – „In jedem Brötchen ist Hefe drin!“*

Einiges typisch Kölsche (Dom, Kölsch, Karneval, FC, die Mentalität der Kölner …) habe ich mittlerweile sehr ins Herz geschlossen und weiß, es würde mir gewaltig fehlen, wenn ich hier wieder wegziehen würde. Aber auch das hat ein bisschen gedauert, ich bin nicht gleich beim 1. Kölsch ausgeflippt, das Trinken musste man mir beibringen. Dem Karneval habe ich mich ebenfalls sehr langsam angenähert und finde ihn erst seit ein paar Jahren toll (zur großen Freude meiner rheinischen Mutter, die mir in der Theorie leider nie vermitteln konnte, was ihr der Karneval bedeutet hat). Und es soll keiner meinen, dass mir der FC gleich von Beginn an ans Herz gewachsen wäre – nein, da musste schon Hennes mit seinen tollen braunen Augen einiges an Überzeugungsarbeit leisten.

Auch das komisch-krumme Häuschen, das uns seit einigen Jahren gehört, hat sicher dazu beigetragen, dass mir die Stadt ein richtiges Zuhause geworden ist. Ich habe hier neue Freunde gewonnen in den Jahren hier, auf deren Gesellschaft ich nicht mehr verzichten möchte. Und da ist natürlich noch Herr B., der eine nicht unerhebliche Rolle spielt, dass ich mich hier wohl fühle. Den würde ich bei einem (rein hypothetischen) Umzug auch sehr gerne wieder mitnehmen :-)

Auf eine Art bin ich aber immer noch Schwabe. Ich besitze ein Häuschen (jaja, die Gene …). Sobald ich in die Nähe eines Besens komme, fange ich sofort an zu kehren. Allerdings mache ich das auch mal in Rock und Pumps. Ich liebe Spätzle und Linsen und mache beides immer selber. Aber die leicht abgewandelte rheinische Art meiner Mutter.

Was mir an Köln so gut gefällt, ist gerade das Bunte und dass im Großen und Ganzen jeder machen kann, wie er mag. Dass man seine regionalen Eigenheiten beibehalten kann, ohne dass das komisch wirkt. Denn auch wenn ich meinen Entschluss, nach Köln zu kommen, nie bereut habe, werde ich sicher immer ein kleines bisschen Schwabe bleiben. Und das ist ja auch gut so.

Zusammengefasst würde ich daher heute sagen, dass mein Zuhause immer der Ort war/ist, wo ich länger wohne und vor allem, wo ich liebe Menschen um mich habe, die mir wichtig sind, mit denen ich Spaß haben kann und bei denen ich auch mal Trauriges los werde. Die mich ein bisschen besser kennen und mich schon eine Weile begleiten. Klar, da haben Familie und alte Schulfreunde immer einen gewissen Vorsprung, weil einfach die gemeinsame Basis und damit das Maß an Vertrautheit sehr groß ist. Aber es lässt sich durchaus auch mit anderen Menschen aufbauen und damit ein neues Gefühl von Zuhause entwickeln, das weiß ich heute.

Und was ist nun meine Heimat? Ich tu mich ein wenig schwer mit diesem sperrigen Begriff. Heimat? Bezieht sich das auf meine Herkunft? Meinen Geburtsort? Den Ort, wo ich meine Kindheit verbracht habe? Dann kann ich das eindeutig mit Backnang in Süddeutschland beantworten. Ein Ort, den ich heute nur noch besuche, weil eben meine Familie und noch ein paar alte Freunde dort wohnen. Weil er vertraut ist. Weil er viel Erinnerungspotenzial enthält, schönes und weniger schönes. Weil er manchmal ein bisschen erdet und mich daran erinnert, wo ich herkomme. Aber nicht, weil er noch eine wirkliche Bedeutung für mich hat. Für mich spielt der Begriff “Zuhause” eine deutlich größere Rolle. Und das ist eindeutig in Köln.

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* Ok, die Erklärung war dämlich und mittlerweile wissen wir auch, dass man hier Reihenweckchen sagt.

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